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25. März 2020

Corona in Tirol: Wenn Gier Gesundheit frisst

Immer mehr Fakten weisen darauf hin, dass der Infektionsherd Ischgl ignoriert wurde, um die „Party“ fortzusetzen

Der Tiroler Skiort Ischgl ist durch die Corona-Pandemie weltweit noch bekannter geworden, als er durch sein touristisches „Wintersport-Ballermann“-Angebot bisher war. Allerdings kann von Werbung keine Rede sein. Ischgl steht – vor allem in Skandinavien – für einen folgenschweren leichtsinnigen Umgang mit der Virusgefahr.

Schon am 5. März war den  Behörden in Island klar: Ischgl ist ein Corona-Hochrisikogebiet. In Tirol wiegelte man da noch ab und sah keine gesicherten Erkenntnisse dafür, dass sich die betroffenen  Urlauber im Paznauntal infiziert hätten. Doch die Zahlen aus Skandinavien sind alarmierend: 265 von 785 erkrankten Dänen und gar 459 von 907 Norwegern wurden mit Stand 14. März auf den Infektionsherd Ischgl zurückgeführt.

Tiroler Flucht nach vorne

Der Tiroler Gesundheits-Landesrat Bernhard Tilg (ÖVP) zog mit einem skurrilen Auftritt in der ZIB2 vom 16. März den Zorn auf sich, nachdem er gebetsmühlenartig wiederholt hatte, die zuständigen Behörden hätten „alles richtig gemacht“. Aktuell glaubt man auch in der Tiroler Landesregierung nicht mehr, dass alles optimal gelaufen sei, sucht die Fehler aber woanders. Am Montag schaltete man die Staatsanwaltschaft gegen einen Ischgler Betrieb ein, der eine schon am 29. Februar positiv getestete Mitarbeiterin einfach nach Hause geschickt, die Infektion aber nicht bei den Behörden gemeldet haben soll. Kritiker sehen darin den Versuch einer Flucht nach vorne.

Denn immer mehr Informationen kommen ans Licht, die zeigen, dass die Probleme auch der in Tirol politisch fast alles beherrschenden ÖVP bekannt gewesen sein müssen. Geleakte SMS-Nachrichten des Obmanns des Tiroler ÖVP-Wirtschaftsbunds und Nationalratsabgeordneten Franz Hörl an den Betreiber des mittlerweile berüchtigen Après-Ski-Lokals „Kitzloch“ vom 9. März legen diesen Verdacht nahe: „Sperre Dein Kitz Bar zu – oder willst Du schuld am Ende der Saison in Ischgl u eventuell Tirol sein“, schrieb Hörl am 9. März – jenem Tag, an dem bekannt wurde, dass ein Mitarbeiter des Lokals zumindest 15 weitere Personen angesteckt haben soll. Doch es dauerte weitere vier Tage, bis das gesamte Paznauntal unter Quarantäne kam.

ÖVP-Mann mit Eigeninteressen

Hörl brachte sich in der Sache wohl nicht nur als Politiker, sondern vor allem als Touristiker ein. Er ist bei den Bergbahnen im Zillertal in verschiedenen Funktionen tätig und zudem Geschäftsführer des im Familienbesitz stehenden Hotels „Gaspingerhof“ in Gerlos. Auch im Zillertal wächst der Verdacht, dass die Behörden zu spät reagiert haben könnten. In mehreren Gastronomiebetrieben – darunter auch Hörls Hotel – sind Corona-Fälle aufgetreten. Touristen werden dringend ersucht, sich bei den Behörden zu melden.

Gesundheit aufs Spiel gesetzt

Freiheitliche Politiker fordern in dieser Sache Aufklärung. Sie vermuten, dass Hörl bei den Behörden interveniert haben könnte, um die Schließung von Lokalen und Skigebieten hinauszuzögern. Man habe „nicht nur in Ischgl, sondern auch im Zillertal schon seit Wochen von bestätigten Corona-Infektionen gewusst und versucht, diese zu vertuschen, um den Winterbetrieb der Hotellerie, Lokale und Seilbahnen nicht zu gefährden – hier wurde bewusst die Gesundheit von vielen Menschen aufs Spiel gesetzt“, kritisierte FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz. Die Abgeordnete Dagmar Belakowitsch fordert Aufklärung und ist überzeugt davon, dass auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) über die Interventionen in Kenntnis war. Sie kündigte eine parlamentarische Anfrage an. 

Der Artikel stammt aus der morgigen Neuen Freien Zeitung vom 26. März 2020.

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